Reflexionsebenen für Start-up Inhaber
In der Welt der Biotech-Start-ups ist die Spannung zwischen wissenschaftlicher Vision und ökonomischer Realität besonders ausgeprägt. Wenn ein Start-up-Inhaber (oft ein Wissenschaftler oder Ingenieur) einem Investor oder Großkunden gegenübersteht, prallen Welten aufeinander.
1. Ebene: Das "Kind" und seine Vision (Die Sicht des Inhabers!)
Auf dieser Ebene steht die Identifikation. Das Start-up ist für den Inhaber oft ein Lebenswerk, eine logische Konsequenz aus jahrelanger Forschung.
- Die Wahrnehmung: Der Inhaber sieht die Genialität des Algorithmus, die Reinheit des Moleküls oder die bahnbrechende Innovation. Für ihn ist das Projekt ein "Subjekt" mit einer eigenen Seele.
- Die Philosophie: Es herrscht eine Logik der Perfektion. Der Inhaber ist überzeugt: „Wenn ich nur tief genug erkläre, wie gut die Technik ist, muss der andere es verstehen.“
- Das Risiko: Er ist in seiner eigenen Fachsprache gefangen. Er sieht keine Risiken, sondern nur lösbare technische Herausforderungen. Er ist "blind" für die profanen Ängste des Marktes.
2. Ebene: Die "Black Box" des Kapitals (Die Sicht des Investors/ Kunden)
Hier begegnen wir der Alterität. Der Investor sieht das Start-up nicht als Vision, sondern als ein Instrument zur Zielerreichung (Rendite oder Problemlösung).
- Die Wahrnehmung: Der Investor sieht Zahlen, Milestones, Burn-Rates und das Team-Risiko. Er fragt sich nicht: „Ist das wahr?“, sondern: „Ist das skalierbar?“ oder „Wann ist der Exit?“
- Die Philosophie: Es dominiert ein Utilitarismus. Das Gegenüber betrachtet die Welt durch die Brille der Risikominimierung. Er sieht vielleicht eine arrogante Fixierung auf Technik, wo er Marktvalidierung sucht.
- Die Erkenntnis: Der Inhaber muss begreifen, dass der Investor eine völlig andere „Sprache der Wahrheit“ spricht. Was für den Inhaber ein „Detail“ ist, ist für den Investor vielleicht ein „Dealbreaker“.
3. Ebene: Der Spiegel der Kompetenz (Die Wirkung des Inhabers)
Diese Ebene entscheidet oft über den Abschluss. Es geht um die phänomenale Präsenz: Wie "erscheint" der Inhaber im Bewusstsein des Investors?
- Die Wirkung: Der Inhaber denkt vielleicht, er wirkt „begeistert und kompetent“ (Ebene 1). Der Investor nimmt ihn auf Ebene 3 aber vielleicht als „verträumten Akademiker ohne Geschäftssinn“ wahr. Oder: Die präzise, vorsichtige wissenschaftliche Ausdrucksweise des Inhabers wirkt auf den Investor wie „Unsicherheit“ oder „mangelndes Selbstbewusstsein“.
- Die philosophische Falle: Wenn der Inhaber zu sehr in seine Datenflut flüchtet, entfremdet er sich vom Gegenüber. Er wird zum „Objekt“, das belehrt, statt zum „Partner“, der überzeugt.
- Die Meta-Kommunikation: Ein erfahrener Gründer weiß, dass er auf dieser Ebene eine bestimmte Rolle spielen muss – die des Brückenbauers zwischen Labor und Markt. Er muss die „Wissenschaftler-Persona“ ablegen und die „Unternehmer-Persona“ annehmen, um die gewünschte Wirkung (Vertrauen und Sicherheit) zu erzielen.
Die Dynamik in der Verhandlung
Stellen Sie sich vor, der Inhaber erklärt eine komplexe Entzündungskaskade (Ebene 1).
- Ebene 2: Der Investor denkt währenddessen: „Wie lange dauert die klinische Phase I? Reicht das Geld?“
- Ebene 3: Der Investor beobachtet, ob der Inhaber bei kritischen Fragen ausweicht oder defensiv reagiert. Er bewertet die Belastbarkeit der Person.
Philosophische Lösung für den Inhaber:
Die Verhandlung gelingt nur, wenn der Inhaber von Ebene 1 (seiner Wahrheit) abrückt und sich auf Ebene 3 fragt: „Welches Bild von mir braucht mein Gegenüber jetzt, um mir sein Geld/Vertrauen zu schenken?“ Er muss zum Phänomenologen werden: Er muss die Welt des Investors (Ebene 2) so gut verstehen, dass er seine eigene Wirkung (Ebene 3) aktiv gestalten kann.
Im Bereich der Unternehmensberatung für Biotech-Start-ups ist genau das oft Ihre Aufgabe: Den Gründern zu helfen, den Blick vom Mikroskop (Ebene 1) zu lösen und den Blick in den Spiegel des Marktes (Ebene 3) zu wagen.
How to Read a Paper (Netzfund)
S. Keshav; David R. Cheriton School of Computer Science, University of Waterloo Waterloo, ON, Canada
Das Paper von S. Keshav beschreibt eine effiziente Strategie zum Lesen wissenschaftlicher Publikationen, um den Zeitaufwand zu optimieren und das Verständnis strukturiert zu vertiefen. Anstatt ein Dokument linear von Anfang bis Ende zu lesen, wird ein Drei-Stufen-Modell (Three-Pass Approach) vorgeschlagen.
Der Drei-Stufen-Ansatz
- Der erste Durchgang (Scan):
- Dauer: ca. 5–10 Minuten.
- Vorgehen: Lesen von Titel, Abstract, Einleitung sowie den Überschriften und dem Fazit.
- Ziel: Beurteilung der Relevanz, der theoretischen Basis und der allgemeinen Klarheit (die „fünf Cs“: Category, Context, Correctness, Contributions, Clarity).
- Der zweite Durchgang (Inhaltserfassung):
- Dauer: Bis zu einer Stunde.
- Vorgehen: Gründliches Lesen unter Ausklammerung komplexer Details wie Beweisen. Fokus auf Abbildungen, Diagramme und die Bibliografie zur Identifikation weiterführender Literatur.
- Ziel: Das Verständnis der zentralen Argumentation und der Belege, um den Inhalt Dritten zusammenfassen zu können.
- Der dritte Durchgang (Tiefenanalyse):
- Dauer: Eine bis mehrere Stunden.
- Vorgehen: Virtuelle Re-Implementierung der Arbeit. Jede Annahme wird kritisch hinterfragt und mit eigenen Lösungsansätzen verglichen.
- Ziel: Vollständiges Durchdringen der Methodik, Identifikation versteckter Mängel und Integration der Techniken in das eigene Repertoire.
Anwendung für Literaturrecherchen
Der Autor adaptiert diese Methode zudem für die systematische Erschließung neuer Forschungsfelder:
- Identifikation von 3–5 aktuellen Papern via Suchmaschinen.
- Nutzung des ersten Durchgangs, um Survey-Paper oder Schlüsselautoren zu finden.
- Gezieltes Sichten der Proceedings führender Konferenzen, um den aktuellen Stand der Technik zu erfassen.
Diese strukturierte Vorgehensweise ermöglicht es Forschenden, die Tiefe der Auseinandersetzung flexibel an den individuellen Bedarf und das Zeitbudget anzupassen.
Anwendung für Patentschriften
Dr. Lucas: Ich wende eine ähnliche Methode auch auf das Lesen von Patenten an. Zunächst lese ich die Bezeichung (54), also den Titel. Dann schaue ich wer Anmelder ( 71) und Erfinder (72) sind. Ich schaue nach dem Anmeldetag (22) und ggf. nach dem Prioritätsdatum, um zu überprüfen, ob die Patenschrift bereits Stand der Technik ist. Denn dann besteht kein Schutz mehr. Anschließend springe ich direkt zu den Patentansprüchen. Der wichtigste Anspruch ist meist der erste Anspruch. In machen Fällen folgt noch ein weiterer Hauptanspruch, wenn beispielsweise Verfahren und Erzeugnis separat stehen. Die weiteren Ansprüche sind dann untergeordnet und abhängig von Haupansprüchen, was am Verweis auf einen vorhergehenden Anspruch erkennbar wird.
Wenn ich vermute, dass der Schutzumfang relevant sein könnte, suche ich das Herz der Patentschrift, den Problem-Solution Ansatz. Bei Europäischen Patenten findet man oft explizit die Schlüsselwörter Problem und Solution. Wenn dann immer noch eine Nähe zum eigenen Projekt erkennbar ist, dann muss eine tiefergehende Analyse erfolgen. Dabei stehen bei mir die Ausführungsbeispiele im Vordergrund. Gibt es dort Überlappung? Die Aussagekraft von Diagrammen und Zeichnungen in Patentschriften reicht von sehr aussagekräftig bis hin zu dekorativer Charakter.
Einmal wollte mein Arbeitgeber mit seinen Produkten zusätzlich zu den bestehenden Produkten in einen attraktiven Wachstumsmarkt einsteigen. Ich konnte dort 3.000 Patentschriften (Anmeldungen und erteilte Patente) identifizieren. Es hat mich drei Monate gekostet, jede einzelne Schrift zu beurteilen. Ich hatte ja unser Vorhaben sehr detailliert im Kopf. Pro Tag konnte ich circa 6 Stunden konzentriert an dieser Aufgabe arbeiten und musste dann leichteren Tätigkeiten nach gehen. Das ging nur, weil ich die überwiegende Mehrheit der Schriften bereits innerhalb von 5 bis 6 Minuten als nicht einschlägig aussortieren konnte.
Kurz-Weisheiten
Ein paar knackige Erkenntnisse aus dem Berufsleben
KISS
Keep It Short and Simple!
An vielen Stellen ist es besser, sich kurz zu fassen. Ausschweifende Texte sind in E-Mail meist fehl am Platze.
Die Information soll kondensiert aber doch vollständig sein. So vermeiden Sie Rückfragen und Fehlinterpretationen.
Die 2 Minuten Regel
Aufgaben, die Sie in weniger als zwei Minuten erledigen können, erledigen Sie am Besten sofort. Es lohnt nicht diese in eine To Do Liste aufzunehmen. Der Berg unerledigter Dinge wächst sonst unnötig an.
Die 80 / 20 Regel
Die Regel besagt, um 80% der Ziele einens Projektes zu erledigen, benötigen Sie nur 20% an Aufwand.
Die letzen 20% Zielerreichung benötigen hingegen 80% des Gesamtaufwandes.
Das ist selbstverständlich überspitzt formuliert, mahnt aber, sich nicht in Perfektionismus zu verleiren, wenn man wirtschaftlich arbeiten möchte.
Sie sind der Steuermann
In der Start-up Phase sind Sie mit vielen Leuten in Kontakt, die Ihnen Ratschläge erteilen oder Sie zu bestimmten Entscheidungen drängen. Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl. Es ist Ihr Start-up. Zeigen Sie klare Kante, wenn Ihnen eine Intervention von außen nicht passt.
Manchmal muß man unpopuläre Entscheidungen treffen. Lassen Sie sich nicht zu Handlungen drängen, die sie nicht voll und ganz selber wollen.